Vielfalt ist kein Sonderthema - sie ist die Literatur selbst

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Eine Rezension zur Deutschlandfunk-Kultur-Sendung „Gemeinsame Sprache, unterschiedliche Welten?


Die Deutschlandfunk-Kultur-Sendung „Diversität in der deutschsprachigen Literatur – Gemeinsame Sprache, unterschiedliche Welten?“ unternimmt etwas, das im Diversitätsdiskurs noch immer erstaunlich selten gelingt: Sie behandelt Vielfalt nicht als wohlmeinendes Zusatzkapitel zur sogenannten „eigentlichen“ Literatur, sondern als deren Gegenwart, Motor und ästhetische Herausforderung. Die von Cornelia Zetzsche und Senthuran Varatharajah konzipierte und moderierte „Lange Nacht“ fragt danach, welche Geschichten Autor:innen unterschiedlicher Herkunft, Prägung, Geschlechteridentität und ästhetischer Traditionen erzählen – und wie sie die deutsche Sprache selbst verändern.

 

Im Zentrum steht dabei nicht die beruhigende Formel: „Jetzt dürfen auch andere mitreden.“ Sondern die viel interessantere Beobachtung: Sie haben längst mitgeschrieben. Deutschland war, wie Sharon Dodua Otoo in der Sendung betont, nie so homogen, wie es sich gern erzählt hat. Diversität ist für sie kein modisches Zielbild, sondern ein Ist-Zustand, der sichtbar gemacht werden muss – gerade dort, wo er lange verdrängt oder unterdrückt wurde.

 

Die Sendung versammelt ein beeindruckendes Panorama deutschsprachiger Gegenwartsliteratur: Sharon Dodua Otoo, Mithu Sanyal, Feridun Zaimoglu, Karosh Taha, José F. A. Oliver, Sasha Marianna Salzmann und Antje Rávik Strubel. Sie alle schreiben auf Deutsch, aber nicht aus derselben Welt heraus. Ihre Literatur führt durch postmigrantische Familiengeschichten, queere Lebensrealitäten, koloniale Nachwirkungen, ost- und westeuropäische Machtgefälle, kurdisch-deutsche Milieus, andalusisch-badische Sprachlandschaften und Erfahrungen sexualisierter Gewalt.

 

Besonders stark ist die Sendung dort, wo sie Diversität nicht nur als Thema, sondern als Formfrage ernst nimmt. Karosh Taha sagt den vielleicht programmatischen Satz: „Ich muss nicht mein Deutsch verbessern, ich muss das Deutsche verbessern.“ Das ist mehr als eine schöne Pointe. Es ist eine poetische Kampfansage gegen die Vorstellung, eine Sprache gehöre denen, die sie für rein, abgeschlossen oder normiert halten.

 

Auch Feridun Zaimoglus „Kanak Sprak“, José F. A. Olivers deutsch-spanisch-badische Klangräume oder Sasha Marianna Salzmanns vielstimmige, rauschhafte Familienerzählungen zeigen: Eine diverse Literatur erweitert nicht nur den Figurenkatalog. Sie verschiebt Rhythmus, Perspektive, Syntax, Erinnerung und Ton. Sie stellt nicht bloß neue Menschen auf die Bühne, sondern verändert die Bühne selbst.

 

Gerade daher ist diese Sendung zum Thema Diversität so ergiebig: Sie macht deutlich, dass Repräsentation wichtig ist – aber nicht ausreicht. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wer kommt vor? Sondern auch: Wer erzählt? In welcher Sprache? Mit welchem Recht auf Widerspruch, Zumutung, Ambivalenz und Schönheit?

 

Kritisch ließe sich anmerken, dass die Sendung mit ihrem großen Panorama notwendigerweise eher kartiert als vertieft. Viele Namen, viele Bücher, viele ästhetische Linien – das ist anregend, gelegentlich aber auch zu verdichtet. Doch gerade diese Fülle ist Teil ihrer Aussage. Diversität lässt sich nicht bequem auf eine These bringen. Sie ist keine Rubrik, sondern ein Stimmengewirr, ein Archiv, ein Streit, eine Einladung.

 

Am Ende bleibt der Eindruck einer Sendung, die den Literaturbetrieb nicht feiert, weil er nun endlich diverser wird, sondern ihn daran erinnert, dass er lange zu eng erzählt hat. Die deutschsprachige Literatur erscheint hier nicht als Haus mit neu geöffneten Türen, sondern als vielstimmiger Ort, der immer schon von verschiedenen Herkünften, Körpern, Sprachen und Begehren bewohnt war.

 

Wer Diversität nicht als Pflichtübung, sondern als ästhetische Energie verstehen möchte, findet in diesem Beitrag des Deutschlandfunk reichlich Stoff.

Porträt Alexander Janka


Alexander Janka

Studienleitung

Fachstelle Organisationsentwicklung