Von der Kunst, innere Widersprüche und Mehrdeutigkeit auszuhalten
Eine Rezension zum Buch von Nesibe Kahraman
„Alles, was dazwischenliegt“
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Es gibt Bücher, die Antworten geben wollen. Und es gibt Bücher, die etwas Schwierigeres versuchen: den Raum offenzuhalten, in dem widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig existieren dürfen. Nesibe Kahraman versucht in "Alles, was dazwischenliegt" genau das — und gerade darin liegt die stille Stärke dieses klugen, sensiblen Buches.
Schon der Untertitel, Von der Kunst, innere Widersprüche und Mehrdeutigkeit auszuhalten, deutet an, worum es Kahraman nicht geht: nicht um schnelle Selbstoptimierung, nicht um psychologische Patentrezepte und schon gar nicht um die inzwischen inflationär gewordene Sehnsucht nach „Klarheit“. Stattdessen schreibt sie über Ambivalenz als Grundbedingung menschlicher Existenz. Wir lieben und zweifeln zugleich. Wir sehnen uns nach Nähe und verteidigen unsere Freiheit. Wir wollen Haltung zeigen und fürchten dennoch die Eindeutigkeit, die jede Haltung irgendwann verlangt.
Kahraman gelingt dabei etwas Bemerkenswertes: Sie macht aus dieser Ambivalenz keine Schwäche, sondern eine Form von Reife. Das Buch argumentiert leise, aber beharrlich gegen die kulturelle Zumutung permanenter Vereinfachung. In Zeiten sozialer Medien, politischer Polarisierung und identitärer Selbstvergewisserung erinnert sie daran, dass das Menschliche oft gerade dort beginnt, wo die Klarheit endet.
Stilistisch bewegt sich das Buch zwischen Essay, autobiografischer Reflexion und gesellschaftlicher Analyse. Kahramans Sprache ist präzise, ohne akademisch hermetisch zu werden; poetisch, ohne sich im Ungefähren zu verlieren. Besonders überzeugend sind jene Passagen, in denen persönliche Erfahrungen nicht zur Selbstinszenierung werden, sondern als Resonanzraum für größere Fragen dienen: Wie lebt man mit Widersprüchen, ohne zynisch zu werden? Wie hält man Unsicherheit aus, ohne in Beliebigkeit zu verfallen?
Dabei liegt die Qualität des Buches weniger in spektakulären Thesen als in seinem Tonfall. Kahraman schreibt mit einer seltenen intellektuellen Bescheidenheit. Sie erklärt die Welt nicht von oben herab, sondern tastet sich an sie heran. Das macht die Lektüre angenehm unaufgeregt — und gerade deshalb nachhaltig. Man fühlt sich nicht belehrt, sondern begleitet.
Besonders stark ist das Buch dort, wo es gesellschaftliche Debatten berührt: Fragen von Herkunft, Zugehörigkeit, Feminismus, kultureller Identität oder politischer Moral. Kahraman verweigert die simplen Lagerlogiken unserer Gegenwart. Sie zeigt, dass Menschen oft gleichzeitig Täter und Verletzte, privilegiert und marginalisiert, sicher und verloren sein können. Dieses Sowohl-als-auch ist kein Relativismus, sondern ein Plädoyer für Genauigkeit.
Natürlich birgt ein solches Projekt auch Risiken. Manche Leser:innen könnten dem Buch vorwerfen, sich gelegentlich zu sehr im Schwebezustand einzurichten. Nicht jede Ambivalenz ist produktiv; manchmal braucht es Entscheidungen, Grenzen, Urteile. An einigen Stellen hätte man sich daher mehr argumentative Zuspitzung gewünscht. Doch vielleicht gehört gerade dieses Unfertige zum Kern des Buches: Es will die Widersprüche nicht auflösen, sondern bewohnbar machen.
"Alles, was dazwischenliegt" ist deshalb kein Buch für Menschen, die nach einfachen Wahrheiten suchen. Es ist ein Buch für Leser:innen, die bereit sind, Komplexität nicht als Bedrohung, sondern als Ausdruck von Wirklichkeit zu begreifen. In einer Zeit, die ständig zur Positionierung drängt, erinnert Nesibe Kahraman daran, dass auch das Zögern eine Form von Erkenntnis sein kann.
Und vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieses Buches: Es rehabilitiert die Unsicherheit — nicht als Defizit, sondern als Zeichen geistiger Beweglichkeit und menschlicher Tiefe.


